-2017 Zeughaus Göttingen-

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Jagdwaffen in militärischer Verwendung

Die Masse der weltweit in Ver-wendung befindlichen Jagdwaffen auf Basis von Mauser 98 Systemen basieren auf ehemals für mili-tärische Zwecke gebauten Mauserwaffen. Selbst die ersten Mauser Jagdgewehre aus Mauser-produktion basierten auf den Rückläufern der ausgelieferten Versuchsgewehre ab 1895.

Während in der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg die Nachfrage nach bezahlbaren Jagdwaffen durch Umbauten überwiegend von Mauser K 98k Waffen befriedigt wurde, dienten ab den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts dann die in ihrer Verarbeitung herausragenden Gewehre 98 aus den Exportauf-trägen an südamerikanische Staaten (Brasilien, Argentinien, Peru) Anfang des letzten Jahrhunderts als „System-Spender“.

Aber es gab auch den umgekehrten Weg, Jagdwaffen fanden als Scharfschützenwaffen Einzug in unterschiedlichen militärischen Einheiten zu Beginn des ersten Weltkriegs. Ein solches Beleg-exemplar wird hier vorgestellt. 

Mit Beginn des ersten Weltkriegs kam das 1898 eingeführte Gewehr 98 zum ersten Mal zum Einsatz. Dieses Gewehr wies ein Visier auf, das von 400 m bis 2.000 m reichte, bedingt durch die Erfahrungen vorangegangener Kriege, die auf offen Schlachtfelder und größeren Distanzen geführt wurden. Auf 100 m und damit die nun üblichen Distanzen lieferten die verbauten Visiere somit deutliche Hoch-schüsse und waren quasi nicht einsetzbar. Die Produktion bzw. die Ausrüstung der Gewehre 98 mit Zielfernrohren war zeitnah nicht umsetzbar.

Aus diesem Grund begannen die ersten Offiziere, ihre eigenen, mit Zielfernrohren ausgerüsteten Jagdwaffen im Kal. 8x57i an der Front einzusetzen.

Im Januar 1915 erfolgte ein Aufruf des Deutschen Jagdschutz-verbandes an die deutschen Jäger, ihre Jagdwaffen auf Basis von Mauser 98 Systemen mit Zielfernrohren im Kal. 8x57 den deutschen Truppen zur Verfügung zu stellen. Daraufhin gingen rd. 3.700 Jagdwaffen bei den deutschen Truppen ein.

Parallel dazu wurden bei der Firma Mauser 1.000 zivile Jagdwaffen unterschiedlichen Typs, ausgerüstet mit Zielfernrohren, geordert.

Schnell wurde ein Problem mit diesen Waffen deutlich. Das bestand in den damals noch nicht normierten Abmessungen der Geschosse, Läufe und Patronenhülsen, insbesondere im Kal. 8x57. (Diese Normierung wurde erst mit der Normalisierungs-verordnung von 1939 herbeigeführt).

 

Die Patrone 8x57 war eine Entwicklung der Gewehrprüfungs-kommission in Spandau, die diese Patrone zusammen mit dem Gewehr 88 entwickelte. Zukunftsweisend war dabei die Nutzung einer randlosen Messing-hülse, die auf eine Konstruktion des Schweizer Major Rubin zurückging. Unter Nutzung des französischen Vieille-Pulvers (baumwollbasiertes Plättchenpulver) stand 1888 dann die neu geschaffene Patrone 8x57 zur Verfügung. Sie startete mit einem Geschossdurchmesser von 8,1 mm. Verladen wurde ein 14,7 g Vollmantel-Rundkopfgeschoss.  Die Läufe des neuen Gewehrs M 88 wiesen einen Zugdurchmesser von 8,1 mm und einen Felddurchmesser von 7,9 mm.

Diese Kombination erwies sich als Fehler. Die Läufe schossen inner-halb kürzester Zeit aus. Das lag auch daran, dass aufgrund der Konstruktion und des Gewichts die Geschosse bei der Zündung und dem Eintritt in die Züge und Felder eine gewisse Stauchung erfuhren. Die zu enge Pressführung der Geschosse wurde als Fehler identifiziert.

Daraufhin erhielten die Waffen ab 1896 einen neuen Lauf, nun mit einem Zugdurchmesser von 8,2 mm. Diese neuen Läufe wurden mit einem „Z“ gekennzeichnet. Damit waren die bestehenden Probleme bei der militärischen Nutzung (zunächst) beendet.

Mit leichtem zeitlichem Verzug hielt die neu geschaffene Patrone auch Einzug in der Jagdwaffen-produktion.  Dazu wurden neu geschaffene Teilmantelgeschosse verladen. Der Geschossdurch-messer betrug ebenfalls 8.1 mm. Die bei den Jagdwaffen im gleichen Maße bestehenden Präzisions-probleme bzgl. der unpassenden Geschoss-Laufkombination wurden von den damaligen Büchsen-machern durch eine („kreative“) Anpassung des Felddurchmessers der Läufe von 7,9 mm auf Werte bis zu 7,6 mm bei einer variabler Ver-änderung des Zugdurchmessers gelöst.

Damit existierte bis kurz vor der Jahrhundertwende die Patrone 8x57 in einer einheitlichen Abmessungs-geometrie. Diese Patrone wurde jedoch in militärischen sowie jagdlichen Läufen sehr unter-schiedlicher Feld-Zugabmessungen verwendet.  

Ab 1903 entschieden sich die deutschen Militärverantwortlichen für die Einführung eines neuen Geschosses für die Patrone 8x57. Die Wahl fiel auf ein 10,2 g schweres Vollmantelspitzgeschoss (S-Geschoss) mit nun 8.22 mm Durchmesser. Aufgrund der damit verbundenen kürzeren Geschoss-führung wurde eine Durchmesser-erweiterung der Geschosse auf nun 8,22 mm notwendig. Das Zug-Feld-Profil der (militärischen) Waffen blieb bei 8,2mm/7,9 mm.

Da auch die Munitionsindustrie diesen Trend zu leichteren und schnelleren Geschossen aufgriff, existiert nun für das Kal. 8x57 Geschosse mit zwei verschiedenen Durchmessern. Wurden diese neuen S-Geschosse aus zivilen Waffen mit den unterschiedlichen engeren Zug-Feld-Profilen verschossen, drohten Laufsprengungen.

Vor diesem Hintergrund wurden nun die zivilen Jagdwaffen aus der deutschen Jägerschaft sowie die dazu gekauften zivilen Mauser-jagdwaffen als Scharfschützen-gewehre in verschiedenen Truppenteilen eingeführt. Das Problem der unterschiedlichen Zug-Feld-Profile der jagdlichen sowie der militärischen Läufe in Kombination mit den neuen militärischen S-Geschossen wurden durch einen Kennzeichnung der neuen Scharfschützenwaffen gelöst.

Im Rahmen der militärischen Abnahme der Zivilwaffen wurde auf den Hinterschäften der Waffen der dort eingeschlagenen militärischen Registrierungsnummer ein Buch-stabe vorangestellt. Bei den zivilen Waffen mit Läufen in dem weiten Zug-Feld-Profil von 8,2mm/7,9 mm wurde dort ein „Z“ eingeschlagen (genau wie bei den neuen Läufen der Gewehre 88 im Jahr 1896), bei mit den engeren Zug-Feld-Profilen ein „D“ verwendet.

Da dieser vorangestellte Buchstabe in der Praxis offensichtlich häufig verwechselt bzw. übersehen wurde, erhielten alle militarisierten zivilen Jagdwaffen mit den engeren Zug-Feld-Profilen zusätzliche eine Messingplakette mit der Aufschrift „Nur für die Patrone M88“.

Die abgebildete Waffe ist ein solches Belegexemplar. Es ist eine Mauser Jagdwaffe auf Basis eines zivilen Systems, 1908 von der Firma Hermann Franck, Magdeburg verkauft. Diese Waffe zeigt noch die vier Eisennägel, mit denen die Messingplakette befestigt war. Zusätzlich zu der Kennzeichnung der Schäfte wurden die Läufe mit einem militärischen Stempel (Hasenadler) versehen.

Mitte der 1915 Jahre konnten dann die ersten Gewehre 98 mit Zielfernrohren ausgestattet werden und die ehemals zivilen Jagdwaffen wurden wieder eingezogen. Nach Kriegsende erfolgte dann der Abverkauf dieser Waffen.

Neben der hier gezeigten Waffe ist derzeit lediglich eine weitere Waffe mit einer entsprechenden Kennzeichnung bei einem amerikanischen Sammler bekannt.

Quellen:

Eichendorff, A., 2011: Militarized Sporting Rifles. Waidmannsheil (Publication of the German Gun Collectors Association), S. 29 bis 32.

Elbing, C. u. Schmid, M., 2017: 8x57IS - oft kopiert, nie erreicht: Wild und Hund 19/2017, S. 80 bis 86.